Laufen - ein Gesundheitsrisiko?

Viele Menschen lassen vom Laufsport gleich wieder ab, weil er bei ihnen angeblich besonders schlimme Formen von Muskelkater, Knieschmerzen und Kurzatmigkeit auslöst. Erfahrene Läufer schweigen dazu, denn sie wissen nur zu gut, welche Schmerzen nach längerer Trainingspause auf sie warten.

Der Unterschied: Anfänger glauben, ihre Gesundheit mit jedem Schritt weiter "zu ruinieren". Laufsportler interpretieren die Schmerzsignale anders. Sie vertrauen ihrem Körper. Sie wissen, dass ein schmerzhafter, aber notwendiger Anpassungsprozess in Gang gekommen ist. Und sie ignorieren die unter Sportmuffeln kursierende Legende, das man durch Waldläufe zum Invaliden werden kann.

No pain - no gain

Wer nach ersten schmerzhaften Laufversuchen auf einen chronischen Gelenkschaden schließt, ist höchstwahrscheinlich im Irrtum. Die nächstliegende Erklärung lautet, dass die körperliche Kondition in vielen Punkten einfach miserabel ist. Und die mentale Leistungs- und Leidensbereitschaft befindet sich nach Jahren der Sportabstinenz auf dem Level einer wohlgenährten Stubenkatze.
Der Anfang einer Laufkarriere könnte so aussehen: Ein paar schnelle Schritte, und schon jagen die völlig ungewohnte Bewegungsabläufe den Puls und Atemfrequenz bis an den Anschlag. Die schwache und kaum elastische Muskulatur lässt die stoßartige Belastung beim Laufen ungefedert bis in die Hüften durch. Nach einigen hundert Metern ist der Lauf zu Ende. Aber nicht die Nachwirkungen. Noch Wochen später wird das Treppensteigen zur Qual. Und immer wieder die Frage: Wie überstehen eigentlich so viele Leute jeden Alters mühelos die unvorstellbar lange Marathondistanz?
Sportler nutzen die Fähigkeit des Körpers, sich an Belastungen anzupassen. Das gilt für einen effektiveren Sauerstoffaustausch in der Lunge, aber auch für den Aufbau von Muskelgewebe. Im Unterbewusstsein werden Bewegungsabläufe so optimiert, dass die Gelenke die Last gleichmäßiger aufnehmen und weiterleiten. Die leidigen Muskel- und Gelenkschmerzen suchen auch trainierte Läufer noch gelegentlich heim, speziell nach langen Läufen, klingen aber schon nach ein paar Stunden wieder ab.

Fitness auf Rezept?

Medizinisch wird dieser Effekt mit dem Wachstumshormon Somatotropin erklärt. Es fördert den Aufbau elastischer Muskulatur und hilft, verletztes Gewebe schnell zu reparieren. Für alle, die sofort an den Gang zur Apotheke denken, hier die schlechte Nachricht: Das Hormon ist nur gegen harte körperliche Anstrengung zu haben: Leipziger Sportmediziner haben eine nennenswert erhöhte Somatotropin-Produktion bei Sportlern erst nach 35 Minuten Tempolauf an der aeroben Schwelle nachgewiesen. Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Der Effekt funktioniert in jedem Alter. Bei einer Vergleichsstudie hatten 70-jährige aktive Läufer noch gleich gute kardio-pulmonale Leistungswerte wie untrainierte 20-jährige.
Steht hinter den gefühlten Gesundheitsproblemen am Ende nur die chronische Unlust zu schweißtreibenden Aktivitäten? Es spricht einiges dafür. Viele Ärzte bestärken gescheiterte Laufaspiranten noch und raten zum Umstieg auf Schwimmen, Nordic Walking oder Radeln. Der so zum andauernden Krankheitsfall gestempelte Ex-Sportler wird erst einmal in sich gehen müssen: Ob sich die herzförmigen Flachwasserlagunen des neuen Spaßbades auch viermal die Woche zum Ausdauerschwimmen anbieten? Falls nicht, wird dann nach der Arbeit noch 60 km durch den Berufsverkehr geradelt, im Winterhalbjahr mit Licht? Aber es gibt ja Nordic Walking! Von den Vordenkern mit religiösem Eifer verteidigt, von Skeptikern als skurriler Kaffeeklatsch mit Stockgeklapper verdächtigt, soll man sich da einmischen?

Fazit

Laufen ist der einzige Sport, der sich immer und überall praktizieren lässt und sofort zu gesundheitlich relevanten Belastungswerten führt. Andere Freizeitsportarten haben auch ihre Vorteile, sind aber entweder saisonbeschränkt, kostspielig, zeitaufwändig oder alles in einem. Für Laufentwöhnte besteht ein hohes Rückschlagrisiko, denn ein schmerzhafter Anpassungsprozess will überstanden und die Motivation erst gefunden sein. Andererseits steigt schon nach wenigen Wochen Training die Leistungskurve und das Erfolgserlebnis rapide an. Ungeübte sollten sich nicht sofort dem Leistungsdruck einer Laufgruppe aussetzen, sondern erst einmal einige Wochen solo auf langsam länger werdenden Strecken trainieren.