Gesundheit als Diktatur des Guten

Qualmende Aschenbecher, die Cognacflasche stets in Reichweite und mittags ein deftiger Schweinsbraten: heute unglaublich, aber das war noch in den Achtziger Jahren Büroalltag. Längst hat sich der Dunst gelichtet und die Kantine kocht vegan. Unbelehrbare Raucher stehen einsam am zugigen Pranger. Gesundheitsverantwortliche könnten zufrieden sein. Sind sie aber nicht. Sie fahren neue Geschütze auf. „Gesundheit der Mitarbeiter aktiv managen“ verlangt ein deutsches Finanzmagazin in eigenwilligem Deutsch. Man empfiehlt, Alter, Geschlecht und Fitness zu erfassen sowie, „falls greifbar, etwa über eine BKK“ statistisch-anonymisierte Gesundheitsdaten auszuwerten. „Auszubildende erhalten einen Fitnesspass und sollen alle das Sportabzeichen machen“, freut sich ein Turbinenhersteller im Westfälischen. Widerspruch ist nirgends vorgesehen, denn es geht ja um eine gute Sache!

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Wenn nicht, dann gehören Sie wahrscheinlich zu denen, die einer Wohlfahrtsdiktatur misstrauen, in welcher Gestalt sie auch auftreten mag. Sind da moderne Jakobiner am Werk? Getreu der ultralinken Sponti-Parole, wonach das Private politisch ist, werden die Grenzen zwischen Job und Freizeit geschleift. Es genügt nicht, Regeln und Gesetze einzuhalten, gesund leben ist Pflicht. Gesundheit wird zu einer Kennziffer, die sich angeblich managen lässt. Das Verhalten wird bis weit in die Privatsphäre hinein durchleuchtet, evaluiert. Vorlieben beim Essen, Pulsfrequenz und 3000-Meter-Zeit werden zur öffentlichen Angelegenheit. Warum so zimperlich? Am Ende werden alle leistungsfähiger und weniger oft krank sein. Während Unternehmen und Behörden ihre Mitarbeiter auf Trab bringen wollen, stört es sie paradoxerweise kaum, wenn Sportunterricht wegen verlotterter Turnhallen oder Lehrermangel monatelang ausfällt.

Freizeit als Ertüchtigungsprojekt

In der griechisch-römischen Antike sehen wir erstmals die strikte Trennung zwischen Arbeit (schole) und Muße (a-scholia). Sklaven und Plebejern waren 60 freie Tage im Jahr garantiert. Im Mittelalter wachten Klerus und Innungen, später der neuzeitliche Staat über die Einhaltung der religiösen und weltlichen Feiertage. In dieser Tradition mahnte Papst Benedikt XVI. im Jahr 2011 den Bundestag, die „Ökologie des Menschen“, also die Grenzen seiner seelischen Kräfte, besser zu achten. Grund dafür gibt es genügend. Die freie Zeit ist selbst zum Projekt geworden, soll quality time sein. Sport, Bildung, Wohlgefühl, Familie und Freunde sind einfach nur leistungsfördernde Ressourcen, zu messen nach Qualität und Stückzahl. Einfach mal nur dasitzen, nichts tun und nachdenken, das ist verpönt.

Die Entgrenzung des Privatlebens ist für Körper und Geist gefährlich. Das lässt sich beim Stand der Forschung nicht leugnen. Ständige Erreichbarkeit und zwanghafte Selbstoptimierung sind wichtige Risikofaktoren. Ganz nebenbei: warum eigentlich erforschen heute Heerscharen von Wissenschaftler Zusammenhänge, die seit 2000 Jahre bekannt sind? Wer es mit dem „Gesundheitsmanagement“ ernst nimmt, müsste zuerst den Begriff ändern. Es geht eben nicht um ökonomische Verwertungslogik, sondern um ihr Gegenteil. Zweitens führt besserwisserische Bevormundung auf die Dauer eher zu Leistungsverweigerung. Und drittens darf das Unternehmen gern Sportmöglichkeiten anbieten. Aber bitte ohne aufdringliche Appelle, Datensammelei, Fragebögen, Anwesenheitslisten und Stoppuhren!

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